Es ist eine Faszination, die sich aus der beinahe irritierenden, unverhohlenen Direktheit ihrer Bilder im markanten Gegensatz zu dem geheimnisvollen Zauber ergibt, in welchen sich die Figuren einzubetten scheinen und die uns als Betrachterinnen und Betrachter nachhaltig in den Bahn ziehen. Diese häufig weiblichen Körper scheinen sich aus einer pastosen Farbenwelt herauszuschälen, um sichtbar und wahrgenommen zu werden und um zeitgleich das Freiheitsversprechen einzufordern, sich wieder in dem Gefleht von Zeichen und Linien verlieren zu dürfen.

In ihrem Atelier verwandelt sich Camille Lacroix selber in eine Wanderin zwischen den Welten und die Malerei wird zum Werkzeug im schamanischen Ritual. Ihre Bilder entstehen in einer physischen Auseinandersetzung mit der Leinwand in einem intensiven, fast performativen Entwicklungsprozess. Die Künstlerin peitscht sich regelrecht in den pastosen Farbauftrag hinein, um vorherige Schichten und den Entstehungsprozess des Bildes offen zu legen und dadurch den spannungsreichen Kontrast zwischen den Möglichkeiten des Malmaterials und dem Untergrund sichtbar zu machen. Sie erfindet Worte, schreibt und kratzt Schriftbilder in einem nur ihr bekannten Alphabet, welche sich im Geiste der surrealistischen Methode der écriture automatique unbewusst und dennoch reflektiert im Nachsinnen, zwischen den weiblichen Akte schieben.

Für die Malerin sind diese teils kryptischen Schriftzeichen zurückgebliebene Spuren, die vor allem auf den zeitlichen Aspekt des Malvorgangs verweisen. Diese Zeitabläufe werden auch in der Herstellung und in der Entwicklung ihrer Farben bedeutungsvoll. Die Künstlerin erforscht, wie sie ihre Malmittel aus Eiern, Pigmenten, Leinölfirnis und ätherischen Ölen selber herstellen kann, statt vorgefertigte Farben aus Tuben zu verwenden. Sie experimentiert damit, wie die Handhabung der historischen Maltechnik der Eitempera sich auch in der zeitgenössischen Malerei und auf Leinwand auf die Wirkkraft von Transparenz, Opazität, Leuchtkraft und Haptik auswirkt. Dise fast alchemistisch anmutenden Untersuchungen bezeichnet sie als ihre Einstimmung auf den malerischen Prozess an sich.

 

Sie spricht von ihrer Suche nach dem Heiligen in der Malerei, was ich als die Suche nach der Essenz des Seins und der uns umgebenden Dinge benennen möchte. Es ist die Suche nach dem Dazwischen und dem Dahinter, die Suche nach der künstlerischen Transzendenz, die uns zwar aus allen herausragenden Werken entgegentritt aber die wir oft schwer in Worte zu fassen vermögen.

In ihren Bildern untersucht Camille Lacroix hermeneutisch den weiblichen Körper und wird somit auch zur Interpretin des uralten künstlerischen Themas: Mensch, welches jede Generation auf seine Weise für sich neu entdeckt.

Es ist die Suche nach der Essenz hinter dem Organischen und zwischen den anthropomorphen Formen, die in diesen radikal subjektivistischen, expressiven Bildern thematisiert und immer wieder auch in Kontrast zu abstrakten, sich aus dem Malprozess ergebenden Formen und Linien gestellt wird. Je näher man der Leinwand kommt, desto mehr Details sind zu erkennen. Versteckte Gesichter oder Körper tauchen dann aus den schwunvollen, heftigen Pinseltrichen hervor und verbinden sich mit den von Sgraffito-Elementen durchsetzten Bildräumen.

Energisch und mutig widersetzt sich die junge, aus Besançon in Frankreich stammende Malerin, der derzeit gern kopflastigen und konzeptuellen Ideologisierung von Kunst.

Ihre Bilder entspringen vielmehr ihren individuellen Empfindungen, die sich über die Darstellung der immer wiederkehrenden weiblichen Protagonistinnen unbekümmert und sinnlich und aus dem Überfluss heraus schöpft und in einer intensiven Farbigkeit in eine ihr ganz eigene Bildsprache führt.

Ulrike Seyboth, 6.3.20

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There is a deep fascination, emerging from the juxtaposition of the almost irritating directness of her imagines with the mysterious enchantment that seems to invest the figures within and that hold us captive. The mostly female bodies emerge gradually from a pastose world of colour to become visible and sensible, but who simultaneously demand the freedom to vanish yet again into the wild nexus of lines and signs.

In her atelier Camille Lacroix transforms herself into a wanderer, switching between worlds, and her painting becomes an instrument for the shamanic ritual. Her paintings develop as a result of a deeply physical approach to the canvas, an almost performative process of development. The artist almost lashes pastose strokes of colour, revealing the development procedure and uncovering the possibilities within the enthralling contrast between the opportunities of the paint material and the substratum.

She invents words, writes and itches signatures in a self-created alphabet, which she places, subconsciously but not without afterthought, in between the female nudes, therein following the surrealist method of écriture automatique. For the painter these cryptic signs are residua that indicate the temporal aspect of painting. Passage of time plays also a major role in the way she develops her colours. The artist investigates methods to create paint from eggs, pigments, linseed oil varnish and essential oils instead of using pre-made paints. She experiments with historic technique using egg tempera, to transfer its unique features such as its peculiar transparence, opacity, haptic and luminance, into modern art.

She likes to say that she is looking for the Sacred in painting, what I would like to describe as the search for the essence of being and of the things surrounding us. Its is the quest for things in between and beyond, the quest for artistic transcendence, which is all too present in every single great art piece - but defies our words.

In her paintings Camille Lacroix investigates hermeneutically the female body and therein becomes an interpret of the worlds oldest sujet: The human form. A suject that is rediscovered by each generation of artists.

It is the search for the essence beyond the organic realm and in between the anthropomorphous figures which she steadily employs in her radically subjective and expressive works and which she frequently juxtaposes against a backdrop of forms and lines, almost accidentally emerged from the painting process. The closer we look at the canvas, the more details become visible. Hidden faces or bodies appear in between the energetic, vibrant brush strokes and entangle with the sgraffito elements of the pictorial space. Decisive and courageous the young painter, hailing from Besancon in France, resist the more intellectualised and conceptual approach of ideologically informed art that seems ubiquitous today. Rather, her works are informed by her personal experience, which she channels into the sensual and insouciant depictions of the recurring female protagonists. These portraits find an abundantly colourful way of representation, which is unique to the artist´s visual language.

 

Ulrike Seyboth, 6.3.20